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Das Kinderheim in Šakiai ist auf dem Scheiterhaufen von Populismus

Das Kinderheim in Šakiai

08.11.2017

Vor drei Jahren hat das Ministerium für Sozialschutz und Arbeit nichts dagegen gehabt, dass in Šakiai ein neues Kinderheim gebaut wird. Jetzt will das Ministerium aber, dass das Kinderheim aufhört zu existieren. Archivbild vom Kinderheim Šakiai.

Seit mehr als Jahrzehnt funktionierendes Kinderheim Šakiai hat vom Ministerium für Sozialschutz und Arbeit eine Mitteilung bekommen. Da steht geschrieben, dass ab dem Jahr 2020 das Kinderheim seine Tätigkeit beenden soll, obwohl vor drei Jahren dasselbe Ministerium dem Bau eines neuen Gebäudes für das Kinderheim aus den EU-Mitteln zugestimmt hat.

 

Diese Forderung argumentiert das Ministerium damit, dass man in Litauen auf die großen Kinderbetreuungseinrichtungen verzichtet und stattdessen die Kinderbetreuung den Familien und Großfamilien anvertraut.

 

Die Leiter des seit 2005 funktionieren Kinderheimes, dessen Teilhaber die evangelische Kirchengemeinde Šakiai und die Diakonie „Šakių sandora“ der evangelischen Kirchengemeinde sind, verstehen es nicht, warum ist es besser für die Kinder in einer engen Wohnung eines Hochhauses aufzuwachsen als in den Großfamilien in geräumigen separaten Räumen.

 

 

 

Vor kurzem wurde die Einweihung gefeiert

 

Das Kinderheim Šakiai hat seine Tätigkeit im Jahr 2005 in den Räumen des damaligen Gemeindehauses angefangen. Da wurden die ersten Kinder, die die elterliche Pflege verloren hatten, aufgenommen. Im Herbst 2014 wurde auf dem Grundstück der evangelischen Kirchengemeinde ein neues Kinderheim gebaut. Der Bau hat fast eine halbe Million Euro gekostet. Die nicht auf Gewinn orientierte Organisation, die zum größten Teil aus den Hilfsgütern und den durch den Staat vorgesehenen Finanzmitteln für den Unterhalt von den Kindern lebt, hat die Mittel für den Bau von der EU bekommen, nachdem sie das Projekt vorbereitet hatte. Der Umsetzung dieses Projektes hat auch das Ministerium für Sozialschutz und Arbeit zugestimmt.

 

In den vier separaten Blocks des neuen modernen Kinderheimes mit Küchen, Schlafzimmern, Zusatzräumen wohnen nach dem Prinzip einer Großfamilie je acht Kinder. In dem zur Zeit in Renovierung sich befindenden alten Gebäude sind noch zwei Blocks eingerichtet. Zur Zeit sind in dem Kinderheim Šakiai insgesamt 53 Kinder.

 

Auf dem großen (fast 3 Hektar) Grundstück der Kirchengemeinde sind ein kleiner Park, ein Teich, Spielplätze.

 

Der Direktor des Kinderheimes Šakiai Pfarrer Virginijus Kelertas hat betont, dass die Kinderbetreuung die Fortsetzung von den alten europäischen Traditionen ist. Das erste Kinderheim ist in der Region Šakiai von dem Baron Gustav von Keudell gegründet worden.

 

 

 

Zu viele zu betreuende Kinder

 

Gemäß der Initiative des Ministeriums für Sozialschutz und Arbeit könnte diese Tradition in einigen Jahren unterbrochen worden. „Das Ministerium hat von uns verlangt, bis Ende des Jahres einen Plan darüber vorzulegen, wie das Kinderheim kleiner und kleiner wird, so dass bis zum Jahr 2020 man es schließen kann“ sagte V. Kelertas.

 

In der von dem Ministerium an „Lietuvos žinios“ /Nachrichten Litauens/ vorgelegten Erklärung wurde bestätigt, dass die kurzfristige oder langfristige Sozialbetreuung für die bedürftigen Kinder in den Kinderheimen nicht durchgeführt werden kann (Ausnahme: Betreuung bis zu 3 Monaten. So steht es in der Beschreibung der Normen für soziale Betreuung, die durch die Verordnung des Ministers für Sozialschutz und Arbeit bestätigt wurde. Das Kinderheim ist eine Institution, wo mehr als 10 Kinder betreut werden.

 

Langfristige oder kurzfristige soziale Betreuung darf ab 2020 nur in Gemeinschaftskinderheimen geleistet werden. In dem Katalog von Sozialdiensten steht geschrieben, dass Gemeinschaftskinderheime die soziale langfristige oder kurzfristige Betreuung leistende Institution der sozialen Betreuung sind, wo in der Gemeinschaft in separaten Räumen – in einem Haus, in einer Wohnung – gemäß dem familiennahen Modell je acht Kinder leben.

 

 

Virginijus Kelertas: Wer wird die EU-Mittel zurückzahlen,
wenn das Kinderheim unter Druck des Ministeriums
geschlossen wird?“

 

„Da in dem Kinderheim Šakiai mehr Kinder leben, obwohl es familienartig ist, wird es nicht für ein Gemeinschaftskinderheim gehalten. Es könnte aber in der Zukunft zu einem Gemeinschaftskinderheim werden, wenn die Gründer so einen Willen haben werden“ so haben die Funktionäre des Ministeriums erklärt.

 

 

 

Es gibt keinen Bedarf an Verkleinerung

 

Der Direktor des Kinderheimes Šakiai hat sich über so eine Initiative des Ministeriums für Sozialschutz und Arbeit gewundert. Das Kinderheim dann zu schließen, wenn es am meisten gebraucht wird. „Die Tendenz ist so, dass die Kinder. die die elterliche Betreuung verloren haben, immer mehr werden. Die Vertreter der Verwaltungen aus den Nachbarnregionen rufen oft an und fragen, ob wir freie Plätze haben“ erklärt er.

 

Laut V. Kleretas ist die Forderung des o.g. Ministeriums seltsam auch deswegen, weil vor der Vorbereitung des Projekts für Finanzierung und Bau des Kinderheimes die Konsultationen mit dem Ministerium für Sozialschutz und Arbeit durchgeführt wurden und man hat die damaligen Vorschläge auch umgesetzt. Deswegen ist der Bau für das Leben der Kinder in den Großfamilien angepasst.

 

Außerdem: wenn das Kinderheim seine Tätigkeit vor dem Ablauf von fünf Jahren seit der Finanzierung abbricht, dann sollte man die für den Bau erworbenen EU-Mittel zurückzahlen. „Wer wird sie zurückzahlen, falls das Kinderheim auf Druck des Ministeriums geschlossen wird. Vielleicht das Ministerium selbst?“ überlegt der Leiter des Kinderheimes Šakiai.

 

Laut V. Kelertas ist schwer die Erklärungen zu begreifen, warum das Gemeinschaftskinderheim von Šakiai dem Verständnis des Familienkinderheimes nicht entspricht. Es werden schwer nachvollziehbare Forderungen gestellt. Die Großfamilien leben jetzt nicht in den Wohnungen in einem Hochhaus, sondern in dem Gebäude des Kinderheimes. Da haben sie getrennte Eingänge und die Blocks sind viel größer als die größten Wohnungen in den Hochhäusern Šakiai. Außerdem darf auf einem Grundstück (egal wie groß es ist) nicht mehr als ein Haus, in dem zu betreuende Kinder leben, stehen.

 

„Jetzt betreuen in unseren Großfamilien 4 Mitarbeiter 8 Kinder. Nach dem vorgeschlagenen Konzept könnten Großfamilien mit 6 Kindern in die Wohnungen einziehen. 6 Mitarbeiter würden diese Kinder betreuen. Man muss Gehälter denen zahlen. Aus welchen Mitteln wird das gemacht?“ fragte V. Kelertas.

 

Man denkt komischerweise, dass die Gemeinschaft der Gemeinde, keine Gemeinschaft ist. Und wenn die Kinder in Großfamilien innerhalb einer Betreuungsinstitution aufwachsen, findet keine Sozialisation statt, obwohl das Kinderheim in der Nähe des Zentrums der Stadt Šakiai ist. Nicht weit befinden sich Poliklinik, Krankenhaus, Kirche, Schulen, private Wohnhäuser, in denen es auch Kinder gibt.

 

 

 

Schließung ist keine Lösung

 

Auf die Frage von Lietuvos žinios“ /Nachrichten Litauens/ hat der Bürgermeister des Kreises Šakiai Edgaras Pilypaitis gesagt, dass er die Bestrebung des Ministeriums verstehe, dass möglichst viele zu betreuenden Kinder in den Familien betreut werden sollten. Es gibt in dem Kreis noch nicht so viele auf die Betreuung von diesen Kindern vorbereitete Familien, so dass sie alle Kinder aufnehmen könnten.

 

„Ich meine, dass in dieser Übergangsperiode solche Einrichtungen wie Gemeinschaftskinderheime notwendig sind. Wir brauchen sie, weil es sonst keinen anderen Platz für die Kinder gibt. Vielleicht in der Zukunft wird man solche Kinderheime nicht mehr brauchen, aber jetzt kommen wir ohne sie nicht aus“ sagte E. Pilypaitis. Er meinte: in dem Kreis gibt es nur drei Familien, die die Kinder zur Betreuung aufnehmen.

 

Deswegen der Meinung des Bürgermeisters des Krieses Šakiai nach, es ist schwer zu glauben, dass man mit künstlichen Hindernissen für die Tätigkeit der Kinderheime erreichen kann, dass diese nicht mehr existieren. Lieber sollte man auf der Staatsebene dafür sorgen, dass die Bedingungen für die Kinderbetreuung in den Großfamilien besser sind: die Betreuer sollten nicht ohne Erholungstage, ohne Urlaub oder Möglichkeit krank zu werden gelassen werden.

 

Die Kreisverwaltung Šakiai hat bereits selbst Initiative ergriffen: sie hat finanzielle Mittel für die Beschäftigung eines Helfers des Sozialarbeiters den Großfamilien zur Verfügung gestellt.

 

Zuerst sollte man die Großfamilien stärken und erst danach sollte man entscheiden, was man mit den Kinderheimen macht.

 

 

 

Nicht die Grundstücke und die Gebäuden sind am wichtigsten

 

Rimantas Dagys, Vorsitzender des Unterausschusses für Familie und das Wohl des Kindes des Ausschusses für Soziales und Arbeit im Seimas (Parlament) Litauens hat seine Verwunderung bezüglich des Vorhabens des Ministeriums das Kinderheim Šakiai zu schließen ausgesprochen. Er meinte, obwohl man in Litauen von der institutionellen Betreuung der Kinder zur Betreuung in Familien und Großfamilien übergehen will, sollte man diesen Prozess nicht formell betrachten.

 

Rimantas Jonas Dagys: „Ich meine nicht, dass die Zahl der
bauten auf dem Grundstück die Zukunft des Kinderheimes
bestimmen soll," betonte der Parlamentarier.

 

 

Er meinte, der Wunsch der Regierenden, das Leben der zu betreuenden Kinder an das Leben in den Familien näher zu bringen, sei ihm verständlich. Aber man sollte immer reale Umstände beachten. Am wichtigsten sollte der Wunsch sein, den Kindern das Leben in der Familie beizubringen: wie man gemeinsamen den Haushalt führt, wie schafft man Ordnung. Ob das in den in den Kinderheimen gegründeten Großfamilien oder in den Mietwohnungen gelernt wird, ist nicht so wichtig.

 

„In Litauen versucht man zu schnell auf die Gemeinschaftskinderheime zu verzichten. Wir sehen doch, dass die zu betreuenden Kinder mehr werden, aber die Familien, die die Betreuung übernehmen nicht so schnell mehr werden. Deswegen haben die Kinderheime zur Zeit noch nicht die Perspektive verloren, weil die Verwaltungen erklären, dass sie sonst keinen Platz für die Kinder haben“ sagte R.J. Dagys

 

 

 

Kazys KAZAKEVIČIUS

 

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